04.05.2011

: Wissenschaft und Verständlichkeit – Keine Chance für den Leser?

Deutsch verliert als Sprache der Wissenschaft immer mehr an Bedeutung. Weil sich deutsche Wissenschaftler in ihrer Muttersprache nicht verständlich ausdrücken können. So schreibt Markus Reiter im Spiegel vom 03.05.2011:

„Sie fürchten ihre Kollegen und flüchten sich in Kauderwelsch: Deutsche Wissenschaftler trauen sich viel zu selten, klar zu schreiben. Oft verklausulieren sie selbst banalste Gedanken.“ Diese Aussage belegt er mit einem durchaus typischen Satz:

„Alle genannten, am Konzept des Auslegers orientierten Formen des Verständlich-Machens, haben gegenüber textoptimierenden Ansätzen einen entscheidenden Vorzug: in keinem Fall findet eine reine Substitution unter Tilgung des substituierten Elements statt. Dadurch ist für den Rezipienten stets die Möglichkeit gegeben, die Verwendungsweise des unbekannten Elements, den ausgelegten Text schließlich als solchen zu verstehen zu lernen, mithin seine Kompetenz zu erweitern.“

Dieser Satz ist typisch für den deutschen Wissenschaftler. Nach Reiter traue sich der deutsche Wissenschaftler nicht, verständlich zu schreiben, da es seiner Karriere schaden könnte. Damit bestätigt er, was vielen schon im Studium auffällt. Oft ist es bedeutend leichter, englische Fachliteratur zu lesen als die deutschen Entsprechungen.

Dabei sollte die Wissenschaft verständlich sein. Denn sie wird mit öffentlichen Geldern gefördert und soll auch für die Öffentlichkeit verständlich sein. Diese zunächst logisch klingende Schlussfolgerung wird jedoch von Frederick Weitz in einem Blog-Artikel in Frage gestellt:

„Doch steht es tatsächlich so schlecht um die Sprach- und Schreibkompetenz deutscher Wissenschaftler? Überhaupt nicht! Das Problem liegt oftmals auf einer anderen Ebene.

Wissenschaftler benutzen Fachbegriffe. Dies müssen sie auch, um komplexe Sachverhalte kurz auszudrücken. Der Alltagsmensch bleibt dabei mit seinem Verständnis auf der Strecke. Das allerdings kann kein Grund zum Jammern sein. Fachtexte sind eben fürs Fachpublikum geschrieben. Und das viele wissenschaftliche Texte mittlerweile auf Englisch vorliegen, ist nun nicht dem schlechten Deutsch der Wissenschaftler geschuldet, sondern dem internationalen Fachpublikum.

populistische Klagen

Die Situation soll nicht verharmlost werden. Viele Fachtexte sind tatsächlich nicht gut geschrieben. Schuld daran aber ist nicht die Gepflogenheit im wissenschaftlichen Milieu, möglichst unverständlich zu schreiben. Der Schweizer Kognitionspsychologe Hans Aebli sieht zwischen der Begriffsbildung und der Verständlichkeit einen direkten Zusammenhang. Vor dem Schreiben steht, und hier erscheint das eigentliche Problem, die Klärung der Begriffe. Gerade dies fehlt bei schlechten Texten fast immer. Dies fehlt aber auch oftmals bei schlechten Lesern. Wenn Reiter Verständlichkeit einfordert, fordert er eigentlich klare Begriffe ein. Und hier kann man nur vermuten, warum ein einzelner Mensch dies nicht kann oder es beim Schreiben, bzw. Lesen nicht zeigt. Reine Verständlichkeit einzufordern, ohne den Zusammenhang zu klären, führt zu oberflächlichen Regeln, aber nicht zur Durchdringung des Stoffes. Reiters Analyse ist populistisch. Viele seiner Aussagen sind reine Behauptungen. Belege liefert er kaum. Dafür aber steht sein neuestes Buch unübersehbar neben dem Artikel.

Die Struktur der Argumentation

Wie unklar der Autor eigentlich ist, kann man an folgenden Zeilen erkennen: „In der Tat gilt es im deutschen akademischen Betrieb kaum als karrierefördernd, wenn man sich mit Büchern, die in einem Publikumsverlag erscheinen, an ein interessiertes Laienpublikum wendet. Ein Beispiel: …“; und hier möchte der interessierte Laie doch ein Beispiel hören, oder? Ein Beispiel würde jetzt eine Geschichte erzählen, die Geschichte von einem Wissenschaftler, der ein allgemein verständliches Buch für den Laien veröffentlicht hat und sich damit seine wissenschaftliche Karriere ruiniert hat.

Doch Reiter fährt folgendermaßen fort: „Die Sprache gehört zu jenen Themen, man für die sich viele Menschen interessieren. Dennoch gibt es keinen einzigen deutschen Linguisten, dessen Name einem interessierten Nicht-Fachmann sofort einfallen würde.“ — Das ist doch kein Beispiel! Hier weicht jemand einer Begründung aus und reiht einfach Behauptung an Behauptung aneinander. Das sieht dann zwar auf den ersten Blick verständlich aus, aber sobald man in den logischen Zusammenhang der Sätze hineingeht, wird alles unklar. Nur die Vorurteile der Menschen, die sich nicht wissenschaftlich bilden wollen, fördert er aufs beste: wenn alles ach so unverständlich ist, dann muss man sich auch keine Mühe geben. Man lese: Journalistische Logik, vom selben Autor.“

Nimmt man nun diese beiden ositionen, so sieht man durchaus ein Dilemma: Auf der einen Seite die hohe Komplexität der Wissenschaftssprache, auf der anderen Seite die Komplexität des Gegenstandes. Beides zu vereinen und leicht verständlich zu machen, ist eine hohe Kunst. Durchaus machbar, wenn man den englischsprachigen Raum betrachtet, bei uns jedoch noch eine seltene Disziplin.

Dabei kann Wissenschaft durchaus durch Verständlichkeit profitieren und auch neue Fans gewinnen. Und diese Ansätze sehen wir heute auch schon. So überprüft beispielsweise die Universität Hohenheim ihre Schreiben heute schon auf Verständlichkeit. Wissenschaftler nehmen an Schreibtrainings statt und Publikationen werden durchaus im Einzelfall schon auf Verständlichkeit geprüft. Aber es besteht noch Potential.

Vollständigen Artikel auf Suite101.de lesen: Die Ruinen der Argumentation: Verständlichkeit und Arroganz | Suite101.de http://www.suite101.de/content/die-ruinen-der-argumentation-verstaendlichkeit-und-arroganz-a110781#ixzz1LMRAbAWt

Vollständiger Artikel auf Spiegel Online lesen: Warum Wissenschaftler ihre Leser quälen http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,758029,00.html

Veröffentlicht von:

Anikar Haseloff

Anikar Haseloff

Als Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich Dr. Anikar Haseloff tagtäglich mit Sprache. Er lehrt und forscht zum Thema Verständlichkeit an mehreren Universitäten in Deutschland.

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