19.05.2011

: Wahlprogramme in leichter Sprache

Mehrere Studien zeigten, dass die Wahlprogramme oft sehr schwer zu verstehen sind. Dies hat verschiedenste Gründe, die unter anderem in der Komplexität des Themas, aber auch in der Notwendigkeit zu Kompromissen zu suchen sind. Aber zu diesem Thema gibt es auch Bewegung: So veröffentlichen die Parteien zu den Wahlen mittlerweile auch Wahlprogramme in leichter Sprache. Das ist eine Sprache, die besonders verständlich ist. Wir wollten jetzt einmal wissen, wie soetwas funktioniert. Und haben uns deshalb mit Markus Kurth (MdB) unterhalten, der dieses Projekt mit angestoßen hat.

Sprachlupe: Was ist ein Wahlprogramm in leichter Sprache?

Markus Kurth: Was für Menschen mit Gehbehinderungen Treppen oder hohe Bordsteinkanten sind, ist für Menschen mit Lernschwierigkeiten eine schwierige Sprache. Leider wird diese schwierige Sprache häufig verwandt. Politische Texte bilden da keine Ausnahme. Das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat zum Ziel, allen Menschen eine gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe am Leben zu ermöglichen. Die Übersetzung von Texten, also auch von Wahlprogrammen, in Leichte Sprache gehört hier selbstverständlich dazu.

Sprachlupe: Warum macht man als Partei einen solchen Aufwand?

Markus Kurth: Klein gedruckt, mit vielen Schachtelsätzen und Fremdwörtern, stellt schwere Sprache eine kaum überwindbare Barriere für Menschen mit Lernschwierigkeiten dar. Aber auch ältere Menschen, Menschen mit geringen Deutschkenntnissen scheitern an unserer schwierigen Sprache. Wir glauben, dass von leichter Sprache letztlich alle profitieren. Es gehört als selbstverständlich zur Barrierfreiheit hinzu, außerdem werden mehr Zielgruppen angesprochen.

Sprachlupe: Ist die Umsetzung einfach oder eher schwer?

Markus Kurth: Die Übersetzung übernehmen Übersetzungsbüros wie etwa „Mensch zuerst“ in Kassel oder die Lebenshilfe in Bremen. Dies ist recht zeitaufwendig, da Menschen mit Lernschwierigkeiten den Text immer und immer wieder auf Lesbarkeit prüfen. Die Umsetzung ist für uns relative einfach: Text rausgeben und die fertige Fassung abnehmen.

Sprachlupe: Worin liegen die Hauptschwierigkeiten?

Markus Kurth: Natürlich ist eine solche Übersetzung nicht umsonst. Leider können wir daher nicht alle Texte, die wir produzieren, übersetzen. Wir haben uns aber zum Ziel gesetzt, zumindest alle zentralen Texte, etwa die Wahlprogramme in Euro, im Bund und in den Ländern in Leichte Sprache zu übersetzen. Zudem setzen auch einige Abgeordnete auf Leichte Sprache. So sagt etwa Markus Kurth, sozial- und behindertenpolitischer Sprecher: „Meine Internetseite gibt einen Einblick in meine politische und parlamentarische Arbeit. Zu meinen Themenschwerpunkten Sozial-, Behinderten- und Arbeitsmarktpolitik stelle ich meine Redebeiträge im Deutschen Bundestag, Pressemitteilungen, Positionspapiere, Dokumente, ausgewählte Zeitungsartikel sowie aktuelle News und Hinweise zu wichtigen Veranstaltungen, Initiativen und Grünen Diskussionen in die Seite ein. Barrierefreiheit ist mir auf meiner Homepage sehr wichtig. Neben den entsprechenden technischen Voraussetzungen sollen sämtliche Einführungstexte auch in Leichter Sprache zur Verfügung stehen, d.h. zu den Kategorien „Startseite“, „Persönliches“, „Themen“, „Dokumente“, „Wahlkreis“, „Termine“ und „Presse“. Derzeit überarbeite ich meine Homepage. Die Texte werden ab Juni 2011 auf der neuen Internetpräsenz zu sehen sein.“

Sprachlupe: Können denn alle Inhalte transportiert werden?

Markus Kurth: Die übersetzten Texte sind in der Regel länger als die Texte in schwerer Sprache. Ein Wahlprogramm mit einhundert Seiten macht daher wenig Sinn komplett zu übersetzen. Meistens lassen wir daher nur die Kurzfassung übersetzen. Unsere Erfahrung zeigt, dass die Texte in Leichter Sprache sehr wohl alle Inhalte transportiert.

Sprachlupe: Haben Sie Feedback zu Ihrem Programm erhalten?

Markus Kurth: Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Eine Broschüre der Grünen Bundestagsfraktion, die auf der einen Seite die schwere, auf der anderen Seite die Leichte Sprache abbildet, hat reißenden Absatz gefunden. Ganze Schulen fragen nach diesen Broschüren. Dies erklärt, dass nahezu alle Parteien zur letzten Bundestagswahl ihre Wahlprogramme in Leichte Sprache übersetzt haben. Bündnis 90/Die Grünen haben das schon 2005 gemacht. In den Ländern gehören wir zu den Vorreitern, fast alle unsere Landtagswahlprogramme werden übersetzt. Auch immer mehr Abgeordnete lernen die Vorteile kennen und verstehen, das die Übersetzung einen wesentlichen Teil zu Barrierefreiheit beiträgt. Es gibt dort allerdings noch einen großen Nachholbedarf. Die UN-Behindertenrechtskonvention erfordert bewusstseinsbildende Maßnahmen, von denen wir uns einen weiteren Anschub erhoffen.

Links zum Wahlprogramm und zu Herrn Kurth, auf dessen Homepage ebenfalls ein bereich „leichte Sprache“ zu finden ist:

http://www.gruene.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Wahlprogramm/BTW_Programm_leichte_sprache.pdf

http://www.markus-kurth.de/

Veröffentlicht von:

Anikar Haseloff

Anikar Haseloff

Als Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich Dr. Anikar Haseloff tagtäglich mit Sprache. Er lehrt und forscht zum Thema Verständlichkeit an mehreren Universitäten in Deutschland.

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