18.08.2015

: „Unvollständig, lückenhaft, versteckt, vermischt und abstrakt“

So beschreibt Finanztest in der Juli-Ausgabe die untersuchten Anlegerinformationen für Immobilienfonds. Über Produktinformationsblätter (PIB) haben wir bereits mehrfach berichtet. Finanztest hat nun PIB zu Investmentfonds untersucht, sogenannte „Wesentliche Anlegerinformationen“ (WAI). Diese sind gesetzlich vorgeschrieben und müssen den Anlegern ausgehändigt werden.


Nichts für Laien

Das Ziel der Wesentlichen Anlegerinformationen wird bereits im Namen deutlich: Anleger über die wesentlichen Merkmale einer Anlage zu informieren. Auf dieser Basis sollen Kunden eine fundierte Kaufentscheidung treffen können. Urteil Finanztest: Weit gefehlt (auf „mangelhaft“ wurde wegen des Einflusses gesetzlicher Vorschriften auf die Formulierung verzichtet). Denn von Verständlichkeit fehlt fast jede Spur.

Von den 13 untersuchten Dokumenten überzeugt kein einziges. Finanztest kritisiert sowohl das Fehlen wichtiger Informationen sowie eine unverständliche und unübersichtliche Darstellung der vorhandenen Infos. Vor allem bei unangenehmen Inhalten werde verkompliziert, was das Zeug hält.

Ohne Fachwissen seien die Informationen nur schwer zu verstehen. Die Dokumente allein reichten also für eine fundierte Kaufentscheidung nicht aus. Finanztest empfiehlt daher Anlegern, sich zusätzlich auf den Internet-Seiten der Anbieter über Risiken, Inhalte und Kosten zu informieren.


Gesetzliche Vorgaben blockieren gesetzliche Vorhaben

Nach der EU-Verordnung 583/2010 gilt für WAI: „Es muss unbedingt sichergestellt werden, dass die Informationen zutreffend und logisch aufgebaut sind und die Sprache Kleinanlegern angemessen ist.“ Außerdem sollen „die Anleger die für die spezifischen Fondsstrukturen benötigten Informationen auch erhalten.“ Die wesentlichen Informationen sollen demnach laut Gesetz von Kleinanlegern verstanden werden können. Verstoßen Anbieter mit einer komplizierten Ausdrucksweise also gegen das Gesetz?

So einfach ist das nicht, denn die willkommene Steilvorlage für eine Generalausrede liefern wiederum Vorschriften selbst: Es ist genau vorgeschrieben, wie so eine Anleger-Information auszusehen hat – bis hin zum Wortlaut. „Uns sind die Hände gebunden“, heißt es seitens der Anbieter. An bestimmten Formulierungen darf tatsächlich nicht gerüttelt werden. Die Gesetze stehen sich also selbst im Weg. Eine gern genommene Entschuldigung für Unverständlichkeit, obwohl die Verordnung ausdrücklich eine „Kleinanlegern angemessene Sprache“ verlangt.


Ist Verständlichkeit also gar nicht möglich?

Finanztest legt selbst Hand an und präsentiert eine verständliche Anlegerinformation, die „ohne großen Aufwand“ den gesetzlichen Vorgaben entspricht. Finanztest hatte bei der Bewertung nur solche Bandwurm-Wörter berücksichtigt, die durch einfache Begriffe ersetzt oder ersatzlos entfernt werden können.

Auch der Gesetzesgeber setzt ausdrücklich auf Verständlichkeit. Wir haben im März darüber berichtet: An der Formulierung des neuen Kleinanlegerschutzgesetzes formuliert die Gesellschaft für deutsche Sprache mit. Der Schutz der Kleinanleger sollte dann aber auch auf verständliche Anlage-Informationen ausgeweitet werden.

Darüber hinaus gibt es bereits seit Ende 2013 ein Glossar für PIB, das eigens für deren „Verbesserungen der sprachlichen Verständlichkeit“ entwickelt wurde. Damit verliert auch die Ausrede, die Vorgaben verhinderten verständliche Anlegerinformationen, ihre Wirkung. Finanztest  lässt diese Ausrede ohnehin nicht gelten. Eine einfache Anwendung des Glossars bietet zum Beispiel Verständlichkeitssoftware: Hier bekommt der Autor direkt im Text angezeigt, an welcher Stelle Synonyme aus diesem Glossar ersetzt werden sollten.


Was gilt als verständlich?

Wann ein Dokument das „Prädikat verständlich“ erhält, ist noch nicht gesetzlich geregelt. Und das ist das Hauptproblem: Wo kein Kläger, da kein Richter. Ein Maßstab für Verständlichkeit ist hier also unbedingt notwendig, damit Verbraucher verbindlich verständliche Informationen erhalten.  Wie viel die Anbieter von Finanzprodukten selbst dazu beitragen werden, ist fraglich. Ob sich in Zukunft im Sinne der Verbraucher etwas tut, liegt damit auch in der Hand des Gesetzgebers.

Veröffentlicht von:

Anja Wehner

Anja Wehner

Die Wirtschaftsanglistin beschäftigt sich vor allem mit der Analyse von Sprache. Gerade aber in formaler Hinsicht bietet Sprache vielfältige wissenschaftliche Aspekte.

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