13.01.2016

: Steuerbescheide: Unverständlich, aber hey, immerhin rechtssicher!

Ein neues Jahr hat begonnen, und damit gehen wieder viele liebgewonnene Rituale an den Start. Oder auch nicht ganz so liebgewonnene – wie etwa die Steuererklärung. Wenn du nach dem Zusammenkramen, Sortieren und Abheften endlich alles dem Finanzamt übermittelt hast, liegt schon ein paar Wochen später die Belohnung im Briefkasten: Ein mittelfreundlich mittelgrauer Umschlag. Hurra, der Steuerbescheid ist da.

Geöffnet, gelesen, aha, aha, hm-hm – verstanden? Aber woher denn. Irgendwo in diesem Grauwertsalat von Schwurbel-Sätzen, Abkürzungen, unbegreiflichen Wörtern und Paragrafen steht bestimmt eine wichtige Information. Bestimmt! Du musst nur richtig suchen!
Doch das gestaltet sich überaus mühselig. Irgendwann schweift das müde Auge erschöpft zu einer Zahl, von der es hofft, dass es alle Wörter auf den Punkt bringt. Nachzahlung oder Erstattung? Aha, danke. Ich lege den Brief im Ordner ab und finde mich damit ab, dass ich eben zu blöd bin, einen Steuerbescheid zu entziffern.

45 % aller Deutschen verstehen den eigenen Steuerbescheid nicht

Oder bin ich es wirklich? Wenn ja, dann bin ich damit wenigstens nicht alleine. Denn: 45 % aller Deutschen verstehen den eigenen Steuerbescheid nicht. Das hat das Marktforschungsunternehmen GfK in einer aktuellen Umfrage im Auftrag der Welt am Sonntag ermittelt. Weitere 40 % gaben an, ihn immerhin „größtenteils“ zu verstehen – was immer das bedeutet. Mit anderen Worten: Das Finanzamt verschickt Jahr ums Jahr Unmengen an Briefen, die ganze 15 % der Adressaten (nach eigener Einschätzung) tatsächlich verstehen.

Das sollte für die Finanzbehörden eigentlich Grund genug sein, ihren Schreibstil zu entrümpeln und ihre Briefe verständlich zu formulieren. Denn es muss doch schrecklich frustrierend sein, tagtäglich so sinnlose Arbeit zu verrichten.
Sollte man meinen – ist aber nicht so. Und das liegt daran, dass die Finanzbeamten im Grunde ganz andere Adressaten haben als die gemeinen Steuerzahler. Und diese Adressaten können Schwurbeldeutsch und Bandwurmsätze nicht nur verstehen, nein, sie fühlen sich sogar pudelwohl darin. Wir sprechen vom Berufsstand der Juristen.

Rechtssicherheit versus Verständlichkeit

Dass Steuerbescheide mehr für Juristen als für Steuerzahler formuliert werden, erklärt sich durch einen einzigen Begriff: Rechtssicherheit. Steuerbescheide müssen so formuliert sein, dass sie vor jedem findigen Advokaten und jedem kritischen Richter Bestand haben. Ansonsten könnte ein zahlungsunwilliger Bürger seinen Steuerbescheid womöglich erfolgreich anfechten – obwohl er völlig korrekt ist. „Das Finanzamt legt mehr Wert auf Akkuratesse denn auf Anschauung“, sagt der Chef der Deutschen Steuergewerkschaft, Thomas Eigenthaler in einem Artikel auf Spiegel Online. Oder anders gesagt: Rechtssicherheit geht vor Verständlichkeit.

Mit der gerne mal ausgerufenen Bürgernähe von Behörden hat das natürlich absolut nichts zu tun. Doch der absolute Vorrang der Rechtssicherheit gibt den Beamten die Lizenz zur Unverständlichkeit. Und nur ein sehr respektloser Bürger würde dahinter einen guten Anteil an Bequemlichkeit und Denkfaulheit vermuten.

Denn tatsächlich ist es möglich, Texte rechtssicher und verständlich zu formulieren. Es bedeutet nur sehr viel Arbeit. Und zwar Kopfarbeit, die lästigste Arbeit überhaupt. Wer tut sich das schon freiwillig an, wenn man es unter dem Motto „Rechtssicherheit vor Verständlichkeit“ so gemütlich hat?

Immerhin: Eine wachsende Anzahl Bürger ist damit hochzufrieden – die Steuerberater.

Veröffentlicht von:

Diana Dehner

Diana Dehner

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