22.02.2012

: Neue Studie: Tonalität der Berichterstattung automatisiert messen

Die Tonalität – also die Freundlichkeit eines Textes – beruht zu einem Großteil auf der jeweiligen Wortwahl. Nun lässt sich die Tonalität automatisiert messen. Mit dem Text-Analyse-Programm TextLab. Dieses identifiziert und extrahiert positive und negative AUssagen in Texten und errechnet einen Tonalitäts-Wert. Dieser Tonalitäts-Wert beruht auf der Auswertung negativer und positiver Begriffe und zeigt Tendenzen beispielsweise in der Berichterstattung der Medien.“

Mit diesem Stimmungsbarometer untersuchte die H&H Communication Lab GmbH Anfang Februar die Berichterstattung über Christian Wulff. Dabei kam die Studie zu erstaunlichen Erkenntnissen: Zum Zeitpunkt der Wahl zum Bundespräsidenten trafen „Spiegel online“, „Zeit online“ und „Welt online“ dem Kandidaten Wulff gegenüber deutlich mehr positive als negative Aussagen. Dies änderte sich nach Beginn der Kreditaffäre drastisch. Zwischen Juni 2010 und Januar 2012 fiel der durchschnittliche Tonalitätswert von anfangs 3,13 auf zuletzt -8,33.

Die Tonalität wird auf einer Skala von -10 bis 10 bewertet. Der Wert 10 ist erreicht, wenn doppelt so viele positive wie negative Begriffe im Text entdeckt werden. Oder nur positive Begriffe. Umgekehrt ergibt sich der Wert -10: Er ist erreicht, wenn doppelt so viele negative wie positive Begriffe auftreten oder nur negative Begriffe auftreten. Aus den drei Online-Medien „Spiegel online“, „Zeit online“ und „Welt online“ werteten die Ulmer Sprach-Experten zunächst je zehn Artikel aus, die aus der Zeit der Wahl Christian Wulffs zum Präsidenten ab dem 01. Juni 2010 stammten. Zum Höhepunkt der Wulff-Affäre, ausgehend vom 01. Januar 2012, wurden weitere zehn Artikel je Medium analysiert. Die Studie hat damit wegen der geringen Fallbeispiele zwar keinen repräsentativen Charakter, sie zeigt aber einen deutlich messbaren Unterschied der Tonalität zwischen den beiden gewählten Zeiträumen.

Denn im Zeitraum der Wahl Christian Wulffs zum Bundespräsidenten beherrschten Begriffe wie „Favorit“, „Sympathie“, „Mut“, „Vertrauen“ und „erfolgreich“ die Berichterstattung um Wulff. Der „Spiegel“ war dabei mit dem Wert 4,68 am Wulff-freundlichsten. Die „Welt“ erreichte einen Tonalitätswert von 2,49 und die „Zeit“ bildete mit 1,38 das Schlusslicht. Im Durchschnitt lag der Wert im Wahlzeitraum bei 3,13. „Diese Werte zeigen aber auch, dass zum Zeitraum der Wahl nicht nur positiv über Wulff berichtet wurde“, erklärt Studienleiter Haseloff. „So berichtete die ‚Zeit‘ damals schon relativ ausgeglichen über Wulff, mit nur wenig mehr positiven als negativen Aussagen.“ Nach der Kreditaffäre sanken die positiven Aussagen zu Wulff drastisch um über elf Punkte auf -8,33. Am kritischsten berichtete die „Zeit“ über Wulff, sie kam auf einen Wert von -8,93, dicht gefolgt vom „Spiegel“ mit -8,19. Die „Welt“ war mit -7,89 immer noch stark abwertend Wulff gegenüber eingestellt. Auch die Wortwahl änderte sich drastisch. Zur Affäre wurden vor allem die Begriffe „Kreditaffäre“, „gedroht“, „Kritik“, „Vorwürfe“, „umstritten“, „Fehlverhalten“, „Drohanrufe“, „empört“ und „unter Druck“ verwendet. Interessant ist auch die Anzahl der positiven und negativen Worte, die insgesamt verwendet wurden. 2010 standen 387 positiven Aussagen bereits 290 negative gegenüber. 2012 drehte sich das Verhältnis endgültig und drastisch zu Ungunsten Christian Wulffs: Verwendet wurden nur noch 183 positive, aber dafür 540 negative Begriffe.

Die Analyse der Tonalität eines Textes eignet sich aber nicht nur zur Überprüfung der Berichterstattung der Medien, sondern Unternehmen können auch eigene Texte auf die Tonalität untersuchen. Vor allem können mit dieser Methode aber auch Texte aus sozialen Netzwerken wie Facebook automatisiert analysiert werden. So wird schnell ersichtlich, ob eher positiv oder eher negativ über ein Unternehmen im Netz gesprochen wird. Und das Meinungsbild in sozialen Netzwerken wird für Unternehmen immer wichtiger.

Link zur Studie: H&H CommunicationLab GmbH

Veröffentlicht von:

Anikar Haseloff

Anikar Haseloff

Als Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich Dr. Anikar Haseloff tagtäglich mit Sprache. Er lehrt und forscht zum Thema Verständlichkeit an mehreren Universitäten in Deutschland.

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