04.03.2014

: Verständlichkeit und Leichte Sprache – Interview mit Frau Prof. Christiane Maaß

Die sogenannte „Leichte Sprache“ ist das Konzept einer möglichst verständlichen Sprache. Dabei geht dieses Konzept deutlich weiter als andere Sprach-Konzepte in Unternehmen, die sich durch eine kontrollierte Sprache verständlicher, moderner oder höflicher ausdrücken wollen. Leichte Sprache richtet sich an alle, die mit dem normalen Deutsch Probleme haben – dies können Menschen mit Einschränkungen sein, aber auch Nicht-Muttersprachler. Aber was steckt genau hinter diesem Konzept? Dazu haben wir uns mit Frau Prof. Christiane Maaß unterhalten. Sie liefert uns einen spannenden Einblick in das Konzept und spricht über Ihre Arbeit mit TextLab:

 

Frage: Was ist Leichte Sprache?

Prof. Maaß: Leichte Sprache ist eine Sprachform des Deutschen mit beschränktem Wortschatz und reduzierter Grammatik.

Frage: Warum ist Leichte Sprache wichtig und für wen ist Leichte Sprache?

Prof. Maaß: Leichte Sprache entstand aus der Praxis des Umgangs mit Lernbehinderten. Die Texte in Leichter Sprache sind aber nicht nur für Lernbehinderte geeignet, sondern für alle Menschen, die Probleme mit einem schwierigen Ausgangstext haben. Das können funktionale Analphabeten sein, Gehörlose, Demente oder Menschen mit Migrationshintergrund. Wenn die Ausgangstexte besonders schwierig sind, und das ist bei Behördenkommunikation sehr häufig der Fall, dann helfen Übersetzungen in Leichte Sprache eigentlich fast allen Menschen. Haben Sie sich beim Ausfüllen Ihrer Steuererklärung oder beim Beantworten der Anfragen Ihrer Rentenversicherung nicht schon manchmal gewünscht, die Texte wären ganz leicht verständlich?

 

Frage: Gibt es heute schon Dokumente in Leichter Sprache?

Prof. Maaß: Ja, ab Frühjahr 2014 müssen alle Bundesbehörden Teile ihrer Internetauftritte in Leichter Sprache bereitstellen, so dass man jetzt zunehmend Angebote in diesem Bereich findet. Darüber hinaus gibt es zunehmend weitere Dokumente, z.B. Infobroschüren, in Leichter Sprache. Bis sich Leichte Sprache breit durchsetzt, ist es jedoch noch ein weiter Weg. Dabei ist eins zu beachten: Texte in Leichter Sprache sind immer ein Zusatzangebot. D.h. der Ausgangstext wird nicht durch einen Text in Leichter Sprache ersetzt, sondern nur ergänzt. Leser oder Leserinnen entscheiden selbst, ob sie den Ausgangstext oder die Übersetzung in Leichte Sprache lesen oder ob sie z.B. den Text in Leichter Sprache nur an den Stellen konsultieren, die im Ausgangstext Probleme bereiten.

 

Frage: Wie sehen Sie die Bedeutung von Leichter Sprache? Was müsste Ihrer Meinung nach alles in Leichter Sprache verfügbar sein?

Prof. Maaß: Unsere Welt wird zunehmend komplexer. Fachsprache umgibt uns mittlerweile überall im Alltag. Menschen mit Sinnesbehinderung haben es in unserer Informationsgesellschaft, in der ein Großteil des Wissens über schriftliche Kommunikation vermittelt wird, besonders schwer. Aber im Grunde betrifft es uns alle, denn wir sind nicht auf sämtlichen Gebiete Experten und müssen uns dennoch mit komplexen Realitäten auseinandersetzen, um unser alltägliches Leben zu meistern. Darum sollten möglichst viele oder besser noch (so gut wie) alle Informationen zusätzlich auch in Leichter Sprache vorhanden sein: Behördenkommunikation, Patientenaufklärungsbögen, Beipackzettel, Nachrichtentexte, Schulbücher, Romane und vieles mehr.

 

Frage: Was ist das Schwierige an Leichter Sprache?

Prof. Maaß: Die Gegenstände, über die geschrieben wird, bleiben auch im Zieltext so komplex wie sie es im Ausgangstext waren. Auch im Zieltext in Leichter Sprache geht es z.B. um Erbrecht oder mögliche Nebenwirkungen eines Medikaments oder um das deutsche Wahlsystem. Nur stehen für die Darstellung dieser komplexen Gegenstände nicht mehr die komplexen sprachlichen Mittel zur Verfügung wie im Ausgangstext. Hier adäquate Lösungen zu finden ist für die Übersetzer(innen) sehr schwer. Albert Einstein wird der Satz zugeschrieben: „Klug ist der, der Schweres einfach sagt.“ So ist es.

 

Frage: Gibt es so etwas wie Regeln für Leichte Sprache?

Prof. Maaß: Ja, natürlich. Das Netzwerk Leichte Sprache hat aus der Praxis heraus ein Regelwerk entwickelt und auch die Barrierefrei-Informationstechnik-Verordnung 2.0 von 2011 definiert 13 Regeln, denen Texte in Leichter Sprache entsprechen sollen. Diese Regeln sind bislang jedoch noch nicht wissenschaftlich untermauert. Das betrachten wir als unsere Aufgabe und arbeiten aktuell daran.

 

Frage: Wie gehen Sie bei Ihren Übersetzungen in Leichte Sprache vor?

Prof. Maaß: Am Anfang steht eine ausführliche Analyse des Ausgangstexts. Hierfür wenden wir wissenschaftliche Ansätze an und benutzen auch Software – eben TextLab. Bereits hier gehen wir in intensiven Austausch mit unseren Projektpartnern. Wir erarbeiten mit ihnen die eigentliche Aussageabsicht der Texte und machen Modifikationsvorschläge, denn es muss beim Übersetzen in Leichte Sprache massiv in die Texte eingegriffen werden. Zentrale Aussagen müssen nach im Text nach oben, es müssen Zwischenüberschriften eingefügt und zentrale Begriffe und Konzepte erläutert werden, ohne dass der Text dadurch erheblich länger wird. Das gelingt dadurch, dass an anderen Stellen gestrafft wird oder Teile aus dem Text ausgegliedert und in ein Zusatzangebot verlagert werden. Für das Übersetzen bedienen wir uns der vorhandenen Hilfsmittel. Es gibt ein Wörterbuch Leichte Sprache sowie ein Online-Wiki (www.hurraki.de), daneben arbeiten wir viel mit Synonymwörterbüchern des Deutschen. Darüber hinaus leisten wir in unseren Projekten eigene Terminologiearbeit, denn wir haben mit Fachtexten im engeren Sinne zu tun (z.B. juristischen Texten), für die noch keine Musterlösungen in Leichter Sprache existieren.

 

Frage: Wie hilft Ihnen TextLab bei Ihrer Arbeit?

Prof. Maaß: Zunächst einmal prüfen wir die Ausgangstexte mit TextLab und bestimmen den Schwierigkeitsgrad. Gerade bei juristischen Texten sind gute Verständlichkeitswerte allerdings noch kein hinreichender Beleg für gute Lesbarkeit, denn die juristische Fachsprache terminologisiert unsere Alltagssprache: Auch „Kind“ oder „Besitzer“ sind in juristischen Texten Fachwörter, werden aber von Software nicht einfach so als solche erkannt. In den meisten Fällen weisen die Ausgangstexte jedoch schlechte Verständlichkeitswerte auf und dann hilft uns TextLab, die Probleme einzugrenzen und konkret zu benennen: Passiv? Satzlänge? Wo stecken die langen Wörter? Unsere Übersetzerinnen arbeiten im Team an den Texten: Immer zwei Personen übersetzen einen Text und zwei weitere prüfen ihn. Die Lösungen werden über das Tool „Texttonne“ eingegeben, ein Admin prüft und koordiniert gruppenübergreifend die gefunden Lösungen. Auch die Zieltexte gehen durch die TextLab-Analyse, sie erzielen meist zwischen 19,5 und 19,9 Punkten. Ein bisschen Abzug bleibt bestehen, denn auch Leichte-Sprache-Texte enthalten lange Wörter – nur werden diese im Text erklärt.

 

Mehr Informationen zu Frau Prof. Christiane Maaß und Ihrem Thema Leichte Sprache finden Sie hier!

Veröffentlicht von:

Anikar Haseloff

Anikar Haseloff

Als Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich Dr. Anikar Haseloff tagtäglich mit Sprache. Er lehrt und forscht zum Thema Verständlichkeit an mehreren Universitäten in Deutschland.

3 Kommentare

  1. Verständlichkeit und Leichte Sprache | Hurraki Tagebuch | 29.03.2014 | 09:49

    […] Hier geht es zum Interview: Verständlichkeit und Leichte Sprache […]

  2. Seminar Redenschreiben | 15.08.2014 | 10:27

    „Wenn einer einen wirklich klaren Gedanken hat, kann er ihn auch darstellen.“
    Michel de Montaigne

  3. Seminar Redenschreiben | 15.08.2014 | 10:31

    „Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.“
    Karl R. Popper

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