02.02.2012

: Kiezdeutsch – das einfache und verständliche Deutsch?

Sprache und deren Verwendung unterliegt einem ständigen Wandel. Für manche ist dieser Wandel ein Fluch – für andere eine notwendige Eigenschaft von Sprache. Die Diskussion um Anglizismen beispielsweise wird in Deutschland oft sehr emotional geführt. Eine Vielzahl von Stellen und Unternehmen versucht, Anglizismen wieder abzuschaffen. Ganz nach dem französischen Vorbild, wo versucht wird jedes fremd klingende Wort zu französisieren. Neben den Anglizismen diskutiert man oft über Fremdwörter oder die Jugendsprache. Wobei hierbei vor allem die Jugendsprache die Gemüter oft erhitzt.

Aber Jugendsprache ist kein neues Phänomen. Es ist auch nichts, das man wieder einfach so abschaffen könnte. Ein in letzter Zeit häufig auftauchender Begriff ist Kiezdeutsch. Hiermit ist besonders der Slang von Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten gemeint. Die ersten Erwähnungen finden sich hierzu ab den frühen 90er Jahren. Ausgehend von Berlin verbreitet sich Kiezdeutsch rasant in Deutschen Grosstädten beziehungsweise entwickelt sich parallel mit ähnlichen Strukturen. Während Kiezdeutsch gerne als rudimentäre und ungebildete Form von Deutsch angesehen wird, kommen Wissenschaftler die sich mit dem Thema beschäftigen immer mehr zu der Feststellung, dass dieses Thema durchaus ernster zu behandeln ist und Kiezdeutsch im Prinzip als eigener Dialekt zu behandeln ist. Die Ausbildung solcher Jugendsprachen ist auch kein deutsches Phänomen. Auch in anderen Ländern (z.B. Holland) bilden sich solche Sprachen unter Jugendlichen.

Als Fundstück präsentieren wir Ihnen hier einen Link zu einer Seite, die sich mit dem spannenden und aktuellen Thema Kiezdeutsch beschäftigt: www.kiezdetsch.de. Dieses Infoportal ist ein gemeinsames Projekt des Lehrstuhls für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Auf diesem Portal findet eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den grammatikalischen und linguistischen Grundlagen dieser neuen Jugendsprache statt.

Interessant ist hierbei vor allem, dass die Entwicklung dieser Sprache vielen Einflüssen aus dem arabischen und türkischen Sprachraum unterliegt. So sind die Wörter „lan“ und „Yallah“ wichtige Bestandteile dieser Sprache geworden. Dies spieglelt auch die gesellschaftliche Entwicklung in vielen Brennpunkten wieder. Jugendliche nehmen diese äußeren Faktoren somit bis in ihre Sprache auf. Wenn man bedenkt, dass Sprache die Macht hat Menschen aus- oder einzugrenzen, dann kann man die Entwicklung dieser Sprache und die Integration arabischer und türkischer Bestandteile durchaus als positiv betrachten. Wissenschaftler sprechen bei dieser Vermischung verschiedenster Faktoren von einem „Multiethnolekt“.

Beachten sollte man bei der Diskussion um Kiezdeutsch, dass diese Sprache nicht einfach nur ein „gebrochenes“ oder „schlechtes“ Deutsch ist. Vielmehr ist es oft ein vereinfachtes Deutsch, das jedoch genauso auf grammatikalischen regeln beruht. Oft wird die Grammatik kreativ weiter entwickelt, um die Konstruktion von Sprache deutlich zu vereinfachen. Ich geh Supermarkt ist eigentlich die vereinfachte Form von Ich gehe in den Supermarkt um einzukaufen. Zu diesen neuen grammatikalischen Konstrukten gehören beispielsweise fehlende Flektionsformen, Orts- und Zeitangaben aber auch die Bildung neuer Verben und Aufnahme neuer Fremdwörter in die Sprache.

Einen sehr tollen Überblick bietet hierzu die Seite www.kiezdeutsch.de, die ich unseren Lesern gerne ans Herz lege.

Veröffentlicht von:

Anikar Haseloff

Anikar Haseloff

Als Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich Dr. Anikar Haseloff tagtäglich mit Sprache. Er lehrt und forscht zum Thema Verständlichkeit an mehreren Universitäten in Deutschland.

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