15.07.2015

: Jena macht Schluss mit Behördensprache

„Zaun“ statt „nichtlebende Einfriedung“: Jena will weg von Begriffen, die es nur auf dem Papier gibt.

Behördenschreiben sind vor allem eins: schwere Kost. Sie wimmeln vor „umständlichen Formulierungen und monströsen Wortgebilden, die im normalen Sprachgebrauch kein Mensch benutzen würde“. So bringt es der Sprecher eines Beitrags zu leichter Sprache in JenaTV auf den Punkt.


Barrierefreiheit: Ein Recht auf verständliche Informationen

Nach der UN-Behindertenrechtskonvention haben Menschen mit Beeinträchtigungen das Recht auf „Informationen in einer für sie geeigneten Form“. Das will Jena in die Tat um- und die Behördenschreiben in leichte Sprache übersetzen.

Dafür besuchen Mitarbeiter der Stadt freiwillig Seminare von Eva Dix, Redakteurin und Übersetzerin für leichte Sprache. Mit Ihrem Groß-Projekt kommt Jena nicht nur Menschen mit Sprach-Schwierigkeiten entgegen, sondern auch den eigenen Mitarbeitern: In ihrer täglichen Arbeit müssten die Mitarbeiter sowieso oft schon umformulieren, kommentiert Dix. Dass leichte Sprache immer wichtiger wird, liege auf der Hand: Die Gruppe älterer Menschen mit beginnender Demenz wächst. Auch die Zahl der Menschen, die nur geringe Deutschkenntnisse haben. Zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund. Aber auch die „funktionalen Analphabeten“ gehören dazu. Laut Dix kommen diese Menschen (aktuell 7,5 Mio. Bundesbürger) nicht über das Verstehen einzelner Wörter oder Sätze hinaus. Dix ginge es vor allem darum, auf die komplexen Strukturen in Texten hinzuweisen.


Schneller und einfacher: Mit ein paar Klicks zu leichter Sprache

Bis aber verständliche Behörden-Schreiben erstellt werden, könne es noch einige Zeit dauern, heißt es weiter im Jena TV-Beitrag. Denn dafür bedürfe es „jeder Menge Übung“. Wie können Behörden schnell und einfach ihre Schreiben in leichter Sprache verfassen? Mit TextLab. Einer Software für Verständlichkeit, die auf einen „Klick“ die komplexen Elemente im Text anzeigt.

Damit müssen viele Begriffe und Formulierungen nicht mehr nachgeschlagen werden, denn TextLab hat einen eigenen Benchmark für leichte Sprache. Dieser wird gerade mit der Forschungsstelle Leichte Sprache der Uni Hildesheim weiterentwickelt. Ziel ist, das Regelwerk für leichte Sprache soweit es technisch möglich ist, in die Software zu integrieren. Die Forschungsstelle ist spezialisiert auf das Übersetzen von juristischen und administrativen Texten.


Der leichte Sprache Benchmark

Ein Benchmark in TextLab ist auf eine bestimmte Ziel- oder Dokumentengruppe zugeschnitten. Der Benchmark für leichte Sprache gibt zum Beispiel bestimmte Zielwerte verschiedener Kriterien vor. Diese müssen eingehalten werden, damit ein Text den Anspruch „leicht verständlich“ erfüllt. Der übergeordnete Indikator für Verständlichkeit ist dabei der Hohenheimer Verständlichkeits-Index (HIX). Ein Text kann zwischen null (sehr schwer verständlich) und 20 HIX-Punkten (sehr leicht verständlich) erreichen. Danach wird jeder Text objektiv und nach wissenschaftlichen Kriterien berechnet. Das gewährt die Vergleichbarkeit von Texten.

Zu den allgemeinen Kriterien der Text-Verständlichkeit gehören unter anderem Satz- und Wortlängen sowie die Wortbekanntheit. Neben anderen Kriterien fließen diese in den HIX ein. Für die leichte Sprache werden darüber hinaus spezielle Wortlisten verwendet, die schwierige Begriffe im Text anzeigen. Zugleich werden für viele der „Verstöße“ oder Barrieren direkte Ersetzungen vorgeschlagen, die für leichte Sprache empfohlen werden.

 

Ein Beispiel

Heißt es in einem Text, ein Antrag solle „mit einer Unterschrift versehen werden“, schlägt TextLab für diese Floskel „unterschreiben“ vor. Mit Klick auf „ersetzen“ erscheint das einfache Wort anstelle der langen und umständlichen Floskel direkt im Text. Auf diese Weise sollen auch die Regeln der leichten Sprache umgesetzt werden. Zudem wird auf weitere Barrieren hingewiesen, wie den zu langen Sätzen: Damit sieht der Autor alle Sätze, die mehr als eine bestimmte Anzahl an Wörtern, zu viele Satzteile oder Informationseinheiten enthalten.

Die Nutzer der Software können „Verstöße“ darüber hinaus selbst bearbeiten: Noch nicht angezeigte Verstöße können auf eine „Verbots-Liste“ gesetzt sowie Synonyme und Erklärungen hinzugefügt werden. Zurück zum Anfang: Die „nichtlebende Einfriedung“ wird so per Mausklick zum „Zaun“.

Für Interessierte gibt es die Möglichkeit, die Software zu testen.

 

Zum Beitrag

Zur Verständlichkeitssoftware (TextLab)

Veröffentlicht von:

Anja Wehner

Anja Wehner

Die Wirtschaftsanglistin beschäftigt sich vor allem mit der Analyse von Sprache. Gerade aber in formaler Hinsicht bietet Sprache vielfältige wissenschaftliche Aspekte.

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