11.06.2012

: Ist Klartext Chefsache?

Nein, Klartext ist in Deutschland (noch) nicht Chefsache. Zumindest nicht, wenn man die Sprache der  Vorstandsvorsitzenden der DAX 30 Unternehmen betrachtet.

In einer spannenden gemeinsamen Studie der Universität Hohenheim und dem Handelsblatt wurden seit Jahresbeginn die Reden der Dax 30 Vorstände auf den Hauptversammlungen untersucht.

Inzwischen ist der Rhetorik-Check abgeschlossen. Das Ranking der Top-Manager in Sachen Klartext steht und wurde am 7. Juni online im Handelsblatt veröffentlicht. So viel schon mal vorweg: viele von Deutschlands Top-Manager sind von Klartext noch weit entfern. Aber auch hier gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Sprachmessung nach wissenschaftlicher Methodik

Die Bewertung der Reden basierte auf zwei Noten. Die „A-Note“ besteht aus einer objektiven Analyse der formalen Verständlichkeit. Hierzu kommt die Software TextLab zum Einsatz. TextLab wertet eine Vielzahl statistischer Texteigenschaften aus. Dazu gehören der Abstraktheitsgrad der Reden, den Fremdwort-Anteil und die Satzkomplexität. Zusammen mit weiteren Merkmalen wie dem „Fass Dich Kurz“-Index ergeben sie einen Verständlichkeitswert auf einer Skala von 0 (so verständlich wie eine Doktorarbeit) bis 10 (so verständlich wie Radio-Nachrichten).

Die zweite Note („B-Note“)  wird von einer Checkliste abgeleitet, mit der sich die stilistische Leistung der Manager bewerten lässt. Die Redner können in „Relevanz und Aufbau“ und „Präsentationsform“ insgesamt 100 Punkte für ihre B-Note erreichen.

Tops und Flops des Rhetorik-Checks

Im Wettkampf um das verständlichste Manager-Deutsch steht die Rede des Telekom-Chef René Obermann ganz oben auf dem Treppchen. Mit 7,2 Punkten auf der Verständlichkeitsskala liegt er mit deutlichem Abstand vorne. Rang zwei erreicht Norbert Reithofer von den Bayerischen Motorenwerken (BMW) mit 6,5 Punkten.  Platz drei erringt der Vorstandsvorsitzende von Infineon, Peter Bauer (5,9 Punkte).

Ganz unten auf der Skala rangieren die Rhetorik-Muffel von Commerzbank  (Martin Blessing) mit 2,0 Punkten, Metro (Olaf Koch) mit 1,3 Punkte und der Linde AG (Wolfgang Reitzle) mit nur 1 Punkt auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsskala.

Viel Platz nach oben für Deutschlands Top-Manager

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Vorstandsvorsitzenden der DAX 30 Unternehmen oft die Chance verspielen, Klartext zu sprechen und ihre Aktionäre wie auch die Öffentlichkeit transparent und auf Augenhöhe zu informieren.

Lange, verschachtelte Sätze und komplexe Formulierungen gehören zu den Hauptbarrieren einer klaren und verständlichen Sprache.  Aber auch Wortungetüme wie „dynamischer Verschuldungsgrad“, „Options- und/oder Wandelschuldverschreibungen“, „ertragsorientierte Dividendenpolitik“ oder auch „Multi-Channel-Strategie“ hinterlassen mehr Fragen wie Antworten.

„Die Jahreshauptversammlung ist für einen Vorstandsvorsitzenden eine gute Gelegenheit, seine Botschaft öffentlichkeitswirksam zu platzieren. Diese Chance wird selten genutzt“, urteilt der Studienleiter Professor Frank Brettschneider.

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Veröffentlicht von:

Oliver Haug

Oliver Haug

Der Geschäftsführer des Communication Lab berät Unternehmen täglich in anspruchsvollen Sprachprojekten. Spezialisiert ist er auf Corporate Language und Unternehmenskommunikation.

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