08.12.2011

: Geschlechtergerechte Sprache: Österreich ändert die Nationalhymne

Lange währte der Streit um eine Anpassung der österreichischen Nationalhymne an die moderne und geschlechtergerechte Sprache. Doch jetzt ist es vollbracht. Das Parlament verabschiedete einige Änderungen im Text der Hymne.

So schreibt N-TV:

Die Frauen werden in der österreichischen Nationalhymne nicht mehr länger übergangen. Das Parlament in Wien beschloss mit großer Mehrheit eine Änderung der Hymne im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit. Bisher tönte es getragen zu allen großen Anlässen: „Heimat bist du großer Söhne, Volk, begnadet für das Schöne“. Nach jahrzehntelangen Debatten heißt es ab Januar in der ersten Strophe: „Heimat großer Töchter und Söhne, Volk, begnadet für das Schöne“.

Geändert wurde auch die dritte Strophe der von Paula Preradovic gedichteten Bundeshymne: Statt „Einig lass in Bruderchören, Vaterland dir Treue schwören“ werden nun „Jubelchöre“ besungen. Das von manchen bevorzugte „Heimatland“ statt „Vaterland“ konnte sich nicht durchsetzen.

Link: N-TV

Natürlich kann man es bei der gendergerechten Sprache übertreiben. So haben die Schweizer den Fußgängerüberweg abgeschafft, weil das Wort Fußgänger und Fußgängerinnen-Überweg einfach zu lang geworden wäre. Auch möchte Niemand Oberbürger- und bürgerinnen-Meister heissen. Aber der Schritt der Österreicher zeigt, wie weit das Thema schon diskutiert wird, und welche Konsequenzen sich datraus ergeben können.

Geschlechtergerechte Sprache und Verständlichkeit

Aus Sicht der Verständlichkeit ist das Thema geschlechtergerechte Sprache oft ein schwieriges. So tragen die geschlechtergerechten Bezeichnungen wie Studenten/innen nicht unbedingt zu einer besseren Lesbarkeit bei. Auch die Langform Studenten und Studentinnen macht einen Text nicht immer leichter lesbar. Doch welchen Ausweg gibt es?

Die „Übersetzung“ eines Textes in gendergerechte Sprache birgt einige Schwierigkeiten. Denn der gendergerechte Text soll ja nicht unleserlich werden. Zu häufige Nennungen der männlichen und weiblichen Bezeichnungen, das „Binnen-I“ oder die beigefügte Angabe „w/m“ in Klammern verwandeln einen Text schnell in unleserlichen Zeichensalat. Ein Text wird durch die konsequent hinzugefügten „-innen“ zwar gendergerecht – aber schnell unleserlich:

Das Kuratorium hat die satzungsgemäße Wahrnehmung der Aufgaben der Universität zu überwachen und bei der Bestellung des Leiters/der Leiterin und seines/seiner Stellvertreters/Stellvertreterin, ihres/ihrer Stellvertreters/Stellvertreterin gemäß § 3, Abs. 2 bzw. Abs. 4 mitzuwirken.

Versuchen Sie neutrale Begriffe zu finden

Oft gibt es konkrete Ersetzungen, mit deren Hilfe die Personenbezeichnungen umgangen werden können. Denn auch ein gendergerechter Text soll leserlich und flüssig bleiben.

Nehmen wir nochmals das Beispiel von oben:

  • Ersetzen wir doch den Leiter/Leiterin durch die „Leitung“, den Stellvertreter/die Stellvertreterin durch die „Stellvertretung“.

Dann wird aus dem Satz:

Das Kuratorium hat die satzungsgemäße Wahrnehmung der Aufgaben der Universität zu überwachen und bei der Bestellung der Leitung und der Stellvertretung gemäß § 3, Abs. 2 bzw. Abs. 4 mitzuwirken.

Klingt immer noch nicht wirklich schön, aber schon viel besser zu lesen als das Original. Das gleiche kann dann natürlich auch für den Bestatter oder die Bestatterin durchgeführt werden. Als Bestattingsinstitut ist man immer neutral.

Weitere Tipps

Ersetzen Sie Personenbezeichnungen durch Verben: Der Verfasser lässt sich mit der Wendung „verfasst von“ vermeiden, der Herausgeber mit der Wendung „herausgegeben von“.

      Oder lassen Sie beim Rednerpult und der Teilnehmergebühr die Personenbezeichnung einfach weg. Sprechen Sie einfach vom „Pult“ und der „Gebühr“.

      Gendergerechte Sprache erfordert Kreativität

      Eine Standard-Vorgehen für Ihre gendergerechte Überarbeitung gibt es nicht. Soll ein Text genderneutral und gleichzeitig flüssig sein, sind Kreativität und freie Ersetzungen gefragt:

      Partizipien im Plural sind genderneutral – aber man muss darauf achten, dass das nur im Plural gilt. Denn „der Studierende“ schließt nach wie vor „die Studierende“ aus.

        Passiv-Konstruktionen erlauben es, dass die Handelnden nicht genannt werden müssen – aber man muss darauf achten, dass auch ein zu hoher Anteil an Passiv-Sätzen die Verständlichkeit erschweren kann.

          Wie man sieht, gibt es Möglichkeiten geschlechtergerechte Sprache auch verständlich zu formulieren. Dabei ist Kreativität und vor allem Wissen um Bezeichnungen gefragt. Denn eine neutrale Ersetzung kann man nur verwenden, wenn man diese kennt.

          Tipp: Die Software TextLab prüft Texte jetzt auf geschlechterneutrale Sprache. Damit wird die Prüfung auf neutrale Formulierungen zukünftig viel einfacher. Denn wer kennt schon alle neutralen Ersetzungen?

          Veröffentlicht von:

          Anikar Haseloff

          Anikar Haseloff

          Als Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich Dr. Anikar Haseloff tagtäglich mit Sprache. Er lehrt und forscht zum Thema Verständlichkeit an mehreren Universitäten in Deutschland.

          1 Kommentar

          1. H&H Communication Lab Blog » Kampf der grammatikalischen Geschlechter | 24.03.2014 | 15:34

            […] Welche Alternativen und kreativen Lösungen Sie beim Thema geschlechterneutrale Sprache anwenden können, lesen Sie auf unserem Blog-Artikel unter folgendem Link: Geschlechtergerechte Sprache: Österreich ändert die Nationalhymne […]

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