14.06.2011

: Folgt der Finanzkrise eine Verständlichkeitskrise?

Anleger wollen verständliche Finanzkommunikation

Eine notwendige und wichtige Grundlage für eine transparente Kommunikation mit Anlegern und Investoren sind verständliche Informationen zu Anlage- und Finanzprodukten. Studien belegen, dass die Verständlichkeit von Produkt-Informationen ein wesentliches Kriterium für die Entscheidung für oder gegen ein Anlageprodukt darstellt. Das gilt auch für höher gebildete Zielgruppen (Personen mit geringerer Bildung vertrauen häufiger auf den Berater).

Zu diesen Dokumenten gehören auch Jahres- und Halbjahresberichte von Anlagefonds. Von jedem Fonds muss halbjährlich einen Halbjahresbericht und einmal jährlich ein Jahresbericht erstellt werden. Der Gesetzgeber sieht vor, dass der aktuelle Jahres- oder Halbjahresbericht sowie der Verkaufsprospekt einem potentiellen Käufer angeboten werden. Diese Dokumente sollten sowohl für Anleger als auch für den Anlageberater relevante Informationen enthalten, um ein Produkt zu beurteilen.

Wie aber sieht es in der Realität aus? Nutzen Anbieter von Fonds und Kapitalanlagegesellschaften die Möglichkeit, durch verständliche und transparente Produkt-Informationen das Vertrauen ihrer Kunden zu stärken?  Wird die Chance erkannt durch Verständlichkeit Wettbewerbsvorteile zu sichern?

Studie zur Verständlichkeit von Fonds-Jahresberichten

Nach der Finanzkrise war sich die Branche einig: die Kommunikation mit den Kunden und Anlegern muss verständlicher und transparenter werden. Viele Unternehmen tun sich aber noch schwer, dieses Vorhaben umzusetzen. Zumindest gilt das für die Jahresberichte zu Anlagefonds. Das zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Studie des Ulmer Communication Lab und der Universität Hohenheim zur Verständlichkeit von Fonds-Jahresberichten. Man muss schon einen Doktortitel besitzen oder zumindest Finanz-Experte sein, um diese Dokumente zu verstehen.

In der Studie wurden 25 Jahresberichte global anlegender Fonds von führenden Fonds-Gesellschaften untersucht. Die Verständlichkeit der Fonds-Jahresberichte wurde mit dem TextLab Verfahren analysiert und bewertet. Dies ist ein computergestütztes Analyseverfahren, bei dem Texte auf bis zu 70 für die Verständlichkeit relevante Faktoren untersucht werden können.  Als Schlüssel-Indikator für die Verständlichkeit dient der Hohenheimer Verständlichkeits-Index. Dieser in Zusammenarbeit mit der Universität Hohenheim entwickelte Verständlichkeits-Index bewertet die Verständlichkeit auf einer Skala von 0 bis 20. Je höher der erreichte Wert desto leichter verständlich ist der Text einzustufen.

Zur Berechnung der Verständlichkeit zieht der Hohenheimer Verständlichkeits-Index mehrere Faktoren heran. Hierzu zählen unter anderem verschiedene Lesbarkeitsformeln. Aber auch Texteigenschaften wie lange und verschachtelt Satzkonstruktionen, Abstraktheitsgrad des Textes oder die Verwendung von langen und komplexen Wörtern. Zusätzlich wurden die Informationsdichte des Textes, die Verwendung von Passivsätzen und  der Anteil an Anglizismen gemessen.

Die Fonds-Jahresberichte erreichen beim Hohenheimer Verständlichkeits-Index einen Wert von 3,7 Punkten. Zum Vergleich: Wissenschaftliche Dissertationen erreichen im Schnitt einen Wert von 4,2. Artikel der Bild Zeitung aus den Ressorts Politik und Wirtschaft hingegen erreichen einen Wert von durchschnittlich 16,2 Punkten.

Barrieren für verständliche Finanzkommunikation

Eine sehr häufige Barriere für die Verständlichkeit ist die Verwendung langer und verschachtelter Sätze. Durchschnittlich erreichen die Fonds-Jahresberichte eine Satzlänge von 20,7 Wörtern pro Satz. 41 Prozent der Sätze sind als zu lang zu bewerten (mehr als 20 Wörtern). Mit 53 Prozent zu langen Sätzen liegt Franklin Templeton am unteren Ende der Rangliste. Angeführt wird das Ranking von Veritas mit „nur“ 30 Prozent langer Sätze. Der längste Satz stammt von der DWS und kommt auf 123 Wörter. Auch der Anteil an Schachtelsätze ist hoch. Durchschnittlich haben 18 Prozent der Sätze 3 und mehr Satzteile. Die Skala verläuft hier von 0,43 Prozent (Carmignac Gestion) bis 27,94 Prozent (Franklin Templeton) Schachtelsätze.

Eine weitere Barriere für die Verständlichkeit ist die Verwendung komplexer und abstrakter Wörter. Hierzu zählen Wortkomposita (zusammengesetzte Wörter), komplexe Fremdwörter, Fachbegriffe und abstrakte Substantive. So kommt kaum einer der Fonds-Jahresberichte beim Anteil an langen Wörtern (12 und mehr Buchstaben) unter die 10 Prozent Marke. Ausnahme ist PNB Paribas mit 9,34 Prozent.  Begriffe wie „rechnungslegungsrelevant“ (Sarasin), „Unternehmensführungsstandards“ (AXA) oder „Zentralverwaltungsvergütung“  (Allianz) sind schwer zu lesen und oftmals auch schwer zu verstehen.

Auch die Verwendung von Anglizismen ist keine Seltenheit. Zwar kommen die Jahresberichte auf lediglich 2 Prozent Anglizismen im Durchschnitt, dennoch sollten möglichst keine Anglizismen verwendet werden. Bezeichnungen wie „Private Placement“ (Goldmann Sachs), „Outperformance“ (AXA) oder „Market Maker“  (BlackRock) sind für Laien nicht verständlich. Im schlimmsten Fall führen solche Begriffe sogar zu Missverständnissen. Spitzenreiter beim Einsatz von Anglizismen ist BlackRock mit einem Anglizismen-Anteil von 3,4 Prozent.

Die Studie kommt also zu einem eindeutigen Urteil: Viele Anleger können Jahresberichte nur sehr eingeschränkt oder überhaupt nicht nutzen. Obwohl der Jahresbericht ein wichtiges Instrument für den Anleger sein könnte, verschenken Fonds-Anbieter die Chance, ihre Anleger einfach und verständlich zu informieren.

Verständlichkeit – ein Ziel ohne Weg?

Am Ende steht die Frage: Wie relevant sind Fonds-Jahresberichte tatsächlich für Anleger und wer kümmert sich um die Qualitätssicherung im Sinne des Verbrauchers?  Nun, scheinbar (noch) niemand. Weder Anbieter von Fonds, noch der Gesetzgeber scheinen bisher eine Lösung für das Problems gefunden zu haben.

Das hat mehrere Ursachen. Zum einen scheinen Fonds-Jahresberichte keine Relevanz für Anleger zu haben. So erklärt Dr. Jan Giller von der Fundinfo AG in einem Gespräch mit der Fachzeitschrift Fonds Professionell (Ausgabe 2/1011), dass Fonds-Jahresberichte in der Regel ein stiefmütterliches Dasein führen. Auf ihrem Internet-Portal bietet das Unternehmens originale Fondsdokumente zum herunterladen an.

„Aktuell sehen wir, dass in erster Linie Fonds-Factsheets abgerufen werden. Der Jahresbericht wird hauptsächlich von institutionellen Investoren und Dachfondsmanagern gelesen, ich würde sogar behaupten, dass Privatanleger gar nicht wissen, was der Fonds-Jahresbericht überhaupt ist“, erklärt Giller in dem Interview.

Ähnlich sehen das auch viele Anbieter von Fonds. Aus Gesprächen mit verantwortlichen Personen „betroffener“ Unternehmen,  wissen wir, dass die Relevanz dieser Dokumente als niedrig eingeschätzt wird. Die Frage ist aber: sind Fonds-Jahresberichte tatsächlich so schwer verständlich, weil sie irrelevant sind. Oder ist es doch eher so, dass die Dokumente keine relevant für Anleger besitzen, weil sie keiner versteht.

Im Gespräch mit Fonds Professionell zeigt sich Giller jedenfalls überzeugt, dass verständliche Jahresberichte auch das Interesse an den Dokumenten steigern würde:  „Schließlich handelt es sich um ein vom Wirtschaftsprüfer begutachtetes Dokument. Wäre es attraktiver gestaltet, könnten auch Finanzberater Interesse daran haben. Aktuell sind die Berichte jedenfalls noch zu trocken und zu buchhalterisch.“

Hier liegt aber oft die Schwierigkeit. Fondsgesellschaften gehen davon aus, dass Jahresberichte ausschließlich von Fachleuten gelesen werden – wenn überhaupt. Deshalb wird der  Fokus nicht auf eine breite Zielgruppe gerichtet. Dies führ dazu, dass die Dokumente von Experten mit Blick auf die fachliche Richtigkeit erstellt werden. Sprachprofis, PR Agenturen oder Journalisten bleiben oft außen vor. In vielen Fällen  liegt die Qualitätssicherung und Freigabe in letzte Instanz bei der Rechtsabteilung. Und dass Juristen nicht gerade für eine einfache Sprache bekannt sind, braucht man eigentlich nicht zu erwähnen. Was letzten Endes dabei rauskommt, zeigt die aktuelle Studie zu den Fonds-Jahresberichten.

Spätesten an dieser Stelle muss man sich auch nach der Rolle des Gesetzgebers fragen. Anlagegesellschaften sind gesetzlich dazu verpflichtet einen Jahresbericht und Halbjahresbericht zu jedem Fonds-Produkt herauszugeben. Ob diese Dokumente aber von Anlegern entsprechend genutzt werden können, scheint zweitrangig zu sein. Es gibt keine Vorgaben oder Hilfestellung, wie diese Dokumente zielgruppengerecht gestaltet werden können. Es werden keine objektiven Maßstäbe angesetzt, um die Qualität der Dokumente zu prüfen. Dass dies nicht zielführend, ja sogar kontraproduktiv sein kann, stellt die Studie unter Beweis.

Dabei kann den verantwortlichen Behörden und Ministerien kein fehlender Wille unterstellt werden. Viel wahrscheinlicher ist das fehlende Wissen über die möglichen Methoden und Instrumente. Immer noch wird Verständlichkeit als subjektive Fähigkeit des Lesers gesehen. Nach dem Motto: ist der Text zu schwer, ist der Leser zu dumm. Dass dies nur der halben Wahrheit entspricht, zeigen die Erkenntnisse und Forschungsergebnisse der Lesbarkeits- und Verständlichkeitsforschung. Verständlichkeit hängt maßgeblich auch von den Eigenschaften eines Textes ab. Es gibt statistische Merkmale, die es nachweislich erlauben, die Verständlichkeit von Texten objektiv zu messen und zu bewerten.

Licht am Ende des Tunnels

Überspitz ausgedrückt, kann man heute von einer Verständlichkeitskrise in der Finanzkommunikation sprechen. Dies ist vor dem Hintergrund der aktuell sehr umtriebig geführten Debatte zum Thema „Beipackzettel für Finanzprodukte“ allerdings schon etwas verwunderlich. Denn bei diesen Dokumenten, die in der in der Fachsprache BIP und/oder KIID heißen, geht es genau darum: Anleger sollen transparent und verständlich über die Chancen und Risiken von Finanzprodukten aufgeklärt werden. Wie das gehen soll und wie das geprüft werden kann, darüber herrscht noch Unklarheit.

Ein Blick über den eigenen Tellerrand könnte der Finanzbranche in dieser Fragestellung weiterhelfen. Die Pharmabranche hat einen sehr ähnlichen Prozess durchlaufen. Bevor ein Medikament heute ein Zulassung erhält, muss der Beipackzettel des Medikaments nachweislich auf Verständlichkeit und Lesbarkeit geprüft sein. Vorher kommt das Produkt nicht auf den Markt (siehe Blog-Eintrag vom 27.11.2010). Die Einführung und Umsetzung dieser Gesetzesvorgabe war ein langer und teilweise schmerzhafter Prozess – sowohl für die  Industrie als auch für den Gesetzgeber. Aus den Erfahrungen und vor allem aus den Fehlern der Pharmabranche gäbe es für die Finanzakteure eine Menge zu lernen.

Trotz der ernüchternden Ergebnisse der Untersuchung zu den  Fonds-Jahresberichten, macht die Studie aber auch Hoffnung. Denn dass es auch in der Finanzkommunikation möglich ist, verständlich und zielgruppengerecht zu kommunizieren, beweist der Fonds-Jahresbericht von Carmignac Gestion. Mit 12,17 Punkten auf der Skala des Hohenheimer Verständlichkeits-Index ist das Dokument der mit Abstand der am besten bewertete Fonds-Jahresbericht. Man kann sogar sagen: der Fonds-Jahresbericht der Gesellschaft kann als verständlich und kundenfreundlich eingestuft werden.

Man erkennt also auch Licht am Ende des dunklen Tunnels. Und in diesem Fall ist es nicht mal der entgegenkommende Zug.

Veröffentlicht von:

Oliver Haug

Oliver Haug

Der Geschäftsführer des Communication Lab berät Unternehmen täglich in anspruchsvollen Sprachprojekten. Spezialisiert ist er auf Corporate Language und Unternehmenskommunikation.

1 Kommentar

  1. Stefan Wehmeier | 15.06.2011 | 21:21

    „Unser Geld bedingt den Kapitalismus, den Zins, die Massenarmut, die Revolte und schließlich den Bürgerkrieg, der erfahrungsgemäß mit unheimlicher Schnelligkeit zur Barbarei zurückführt. …Wer es aber vorzieht, seinen eigenen Kopf etwas anzustrengen, statt fremde Köpfe einzuschlagen, der studiere das Geldwesen…“

    Silvio Gesell (Geld oder Krieg)

    Wenn das Geld selbst fehlerhaft ist, gibt es keine wie auch immer geartete „Finanzpolitik“, mit der sich der Zusammenbruch des Geldkreislaufs – und damit der gesamten Volkswirtschaft – aufhalten lässt. Das sollte sogar einem Politiker einleuchten; tut es aber nicht, denn…

    „Im Grunde ist Politik nichts anderes als der Kampf zwischen den Zinsbeziehern, den Nutznießern des Geld- und Bodenmonopols, einerseits und den Werktätigen, die den Zins bezahlen müssen, andererseits.“

    Otto Valentin, aus „Warum alle bisherige Politik versagen musste“, 1949

    Daran hat sich bis heute nichts geändert, während das exakte Wissen, um absolute Marktgerechtigkeit herzustellen und damit Wirtschaftskrisen, Massenarmut und Krieg generell zu vermeiden, seit dem Jahr 1916 zur Verfügung steht!

    „Ich glaube – und hoffe – auch, dass Politik und Wirtschaft in der Zukunft nicht mehr so wichtig sein werden wie in der Vergangenheit. Die Zeit wird kommen, wo die Mehrzahl unserer gegenwärtigen Kontroversen auf diesen Gebieten uns ebenso trivial oder bedeutungslos vorkommen werden wie die theologischen Debatten, an welche die besten Köpfe des Mittelalters ihre Kräfte verschwendeten. Politik und Wirtschaft befassen sich mit Macht und Wohlstand, und weder dem einen noch dem anderen sollte das Hauptinteresse oder gar das ausschließliche Interesse erwachsener, reifer Menschen gelten.“

    Sir Arthur Charles Clarke (1917 – 2008), aus „Profile der Zukunft“

    Für die Überwindung der „Finanzkrise“ und den eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation bedarf es der „Auferstehung der Toten“. Als geistig Tote sind alle Existenzen zu bezeichnen, die vor lauter Vorurteilen nicht mehr denken können. Werden Sie lebendig: http://www.deweles.de

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