03.08.2011

: Eine Gebrauchsanweisung für die Gebrauchsinformation

Verständliche Information für Patienten

Ein  österreichischer Pharmakonzern hat für seine Kunden eine Gebrauchsanweisung für medizinische Beipackzettel (Gebrauchsinformation für Arzneimittel) online gestellt. Das hat seinen guten Grund:

Entsprechend den seit 2005 gültigen Anforderungen für die Zulassung von Arzneimitteln müssen medizinische Beipackzettel für Arzneimittel für den Patienten leicht verständlich und gut lesbar sein. Ist die Beipackzettel nicht patientenfreundlich kann dem Arzneimittel die Zulassung versagt werden. Diese Regelung ist in der EU Direktive 2001/83/EC in der geänderten Fassung 2004/27/EC festgehalten.

Um die Verständlichkeit und Auffindbarkeit von Informationen in medizinischen Beipackzetteln zu belegen, werden europaweit so genannte Readability User Tests durchgeführt. Hierbei werden Endverbraucher in einem leitfadengestützten Interview-Verfahren zum Inhalt (Verständlichkeit) und zur Informationspräsentation (Auffindbarkeit) befragt.

Obwohl also einiges getan wir, um die Vorgaben zu erfüllen, haben viele Patienten immer noch erhebliche Schwierigkeiten mit der Verständlichkeit und Auffindbarkeit der Informationen in diesen Dokumenten. Das hat mehrere Ursachen:

    – Es ist nicht immer leicht medizinische Sachverhalte in laientaugliche Sprache zu transportieren.
    – Medizinische Beipackzettel können nicht völlig auf Fachbegriffe verzichten.
    – Hinzu kommen Vorgaben und Formulierungen von Seiten der Behörden.
    – Außerdem muss die Rechtssicherheit beachtet werden.
    – Eine weitere Einschränkung ist der Platz: häufig müssen sehr viele Informationen auf kleinstem Platz untergebracht werden.

      Der virtuelle Beipackzettel

      Auf diese Herausforderungen reagiert das österreichische Pharmaunternehmen Pfizer mit einer patientenfreundlichen  Alternative: der virtuelle Beipackzettel. Diese Gebrauchsanweisung für den medizinischen Beipackzettel soll die oft komplexen Beschreibungen in eine verständliche Sprache übersetzen. Dadurch soll der Gebrauch des medizinischen Beipackzettels erleichtert werden.

      Auf der Webseite des Unternehmens werden Patienten  Schritt für Schritt durch den standardisierten Aufbau eines Beipackzettels geleitet. Sie erhalten zum Teil sehr detaillierte Erklärungen, welche Informationen in einem Beipackzettel zu finden und wie diese zu verstehen sind. Die Inhalte sind verständlich aufbereitet und für Laien geeignet. Das ist definitiv ein Schritt in die richtige Richtung.

      Ist dies aber die Lösung des Problems? Nein. Oder zumindest nur sehr eingeschränkt. Natürlich ist der virtuelle Beipackzettel eine nützliche Ergänzung zu den sonst sehr restriktiven Möglichkeiten,  medizinischen Beipackzettel patientenfreundlich und verständlich aufzubereiten. Dennoch macht dieser Online-Dienst den Beipackzettel nicht grundsätzlich verständlicher. Es ist lediglich eine Hilfestellung.

      Die Voraussetzung, dass dieser Dienst genutzt werden kann, ist der Zugang zum Internet. Dass heißt, wenn ich als Patient ein Medikament aus der Apotheke erhalte, muss ich entweder den nächsten zugänglichen Internet-Anschluss ansteuern oder Besitzer eines Smart-Phones sein. Vorher kann ich keinen Gebrauch vom virtuellen Beipackzettel machen. Das kann zu einer Benachteiligung derjenigen Patientengruppen führen, die über keine Zugangsmöglichkeiten zum Internet verfügen. Dies sind leider oft genau diejenigen Patientengruppen, die auch am meisten mit den sehr fachlichen und schwer verständlichen Inhalten zu kämpfen haben. Häufig sind das Menschen am untersten Ende der sozialen Leiter.

      Nichts desto trotz: es ist nur löblich, dass ein Pharmaunternehmen zum Wohle seiner Kunden tätig wird und Maßnahmen ergreift, die über die gesetzliche Vorschriften hinausgehen. Zudem ist die Umsetzung des virtuellen Beipackzettels im Sinne der Verständlichkeit und Benutzerfreundlichkeit gelungen und äußerst positiv zu bewerten.  Man kann als Patient nur hoffen, dass weitere Pharmaunternehmen sich ein Beispiel nehmen und solche oder ähnliche Maßnahmen zum Wohle ihrer Kunden und der Patienten im Allgemeinen ergreifen.

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      Veröffentlicht von:

      Oliver Haug

      Oliver Haug

      Der Geschäftsführer des Communication Lab berät Unternehmen täglich in anspruchsvollen Sprachprojekten. Spezialisiert ist er auf Corporate Language und Unternehmenskommunikation.

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