26.01.2012

: Die Telekom, der Verkaufsprospekt und die Verständlichkeit

Tausende Kleinanleger hatten gegen die Telekom geklagt. Sie werfen der Telekom vor, die Risiken im Verkaufsprospekt nicht verständlich genug dargestellt zu haben. Nun äußerte sich die Richterin zu diesem Thema. In einer sehr interessanten Art und Weise. Die Vorsitzende Richterin empfahl den Anlegern, sich beraten zu lassen falls Sie den Prospekt nicht verstehen.

Aus unserer Sicht ist die Aussage der Richterin so nicht richtig. Der Verkaufsprospekt dient dazu, die Anleger zu informieren. Und zwar sowohl richtig, wie auch vollständig und vor allem verständlich. Wenn die Richterin nun behauptet, dass ein Verkaufsprospekt nicht verständlich sein kann, dann merkt man, dass sich die Richterin mit dem Thema Verständlichkeit noch nicht wirklich beschäftigt hat.

Es stellt sich dann natürlich die Frage, wieso eine Richterin, die sich augenscheinlich noch nie mit dem Thema Verständlichkeit beschäftigt hat, die Frage der Verständlichkeit in einem Verfahren überprüfen soll. Da wird doch der Bock zum Gärtner gemacht. Denn für eine Richterin sind Dinge natürlich verständlich, die für einen niedriger gebildeten Menschen nicht verständlich sind. Und die eigenen Maßstäbe können und dürfen bei der Bewertung von Verständlichkeit nicht angelegt werden.

Insbesondere 2 Aussagen der Richterin sind in unseren Augen falsch:

Aussage 1: Der von 17 000 enttäuschten Kleinanlegern wegen angeblicher Falschangaben angegriffene Prospekt hätte auch nicht beliebig vereinfacht werden können, weil dies zu Ungenauigkeiten geführt hätte, sagte die Richterin. Mit dem Schriftstück hätten auch institutionelle Anleger informiert werden müssen.

(Quelle: www.focus.de)
Liebe Frau Schier-Ammann, so verkürzt ist das nicht richtig. Es geht bei Verständlichkeit nicht darum, etwas beliebig zu vereinfachen. Es geht darum, Dinge so darzustellen, dass sie verständlich sind. Das sind völlig unterschiedliche Dinge, die hier unrichtig vermischt werden. Es ist ein himmelweiter Unterschied etwas verständlich zu machen oder etwas beliebig zu vereinfachen. Es ist schlicht auch falsch, dass eine bessere Verständlichkeit zu Ungenauigkeiten führt.
Auch die 2. Aussage ist in Bezug auf Verständlichkeit nicht ganz richtig. So sagt die Richterin: persönlich halte ich es für „fast unmöglich“, juristische oder wirtschaftliche Komplexe in schriftlicher Form allgemeinverständlich zu formulieren. (Quelle: wwfocus.de). Auch diese Aussage stimmt nicht, denn auch juristische oder komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge lassen sich sehr wohl einfach und verständlich darstellen.
Das beste Beispiel hierfür ist die Bildzeitung, die es schafft, jeden Sachverhalt einfach und verständlich darzustellen. Es ist eher eine Frage des Wollens denn des Könnens. Auch ist ein Verkaufsprospekt kein juristischer Fachartikel, sondern er soll dazu dienen die Anleger zu informieren. Und diese Anleger sind, insbesondere bei einer „Volksaktie“, keine Wirtschafts-Professoren sondern oft Menschen ohne BWL-Studium. Und für solche Menschen ist dieser Prospekt zu schreiben.
Für uns als Verständlichkeitsforscher sind diese Aussagen der Vorsitzenden Richterin nicht nachvollziehbar. Ohne die Verständlichkeit im Detail geprüft zu haben wird die Schuld den Anlegern gegeben, die sich hätten beraten lassen sollen. Man fragt sich, wozu es dann einen Verkaufsprospekt gibt, wenn dieser nicht verständlich sein muss. Dann kann sich der Verbraucher ja gleich von vornherein beraten lassen und die teuren Verkaufsprospekte können gespart werden.
Liebe Frau Schier-Ammann: Sie sollten Ihre Aussagen überdenken. Mittlerweile lässt sich Verständlichkeit messen. Mittlerweile lassen sich auch ganz komplexe Dokumente verständlich schreiben. Man muss es nur wollen. Und wenn das Unternehmen nicht will, oder mit den falschen Dienstleistern zusammenarbeitet, dann trifft die Schuld dafür doch nicht den Anleger.

Veröffentlicht von:

Anikar Haseloff

Anikar Haseloff

Als Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich Dr. Anikar Haseloff tagtäglich mit Sprache. Er lehrt und forscht zum Thema Verständlichkeit an mehreren Universitäten in Deutschland.

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