27.07.2015

: Die gelbe Hartnäckigkeit

In einer Hinsicht war das Arbeiten früher viel bunter: Ein leuchtendes Gelb wies den Weg durch den Texter-Alltag, war Leitplanke für die richtige Wortwahl und Bewahrer vor tückischen Wortfallen. Die gelben Engel waren nicht etwa vom ADAC – vielmehr sind sie eine schlichte, aber geniale Erfindungen für alle Schreiber in den Unternehmen: Post-its. Rechts und links, oben und unten verzierten sie den Monitor. Darauf standen diverse hilfreiche Telefonnummern, Namen wichtiger Kontakte und vor allem Notizen wie beispielsweise diese: „Einkommensteuer nicht Einkommenssteuer!“ „Jetzt: Kunden ServiceCenter nicht mehr Kunden Service-Center“ „Im Print 089 56 78 XX XX – online 089 5678XXXX. Bitte beachten!“ „Keine negativen Formulierungen“ „Poststelle-Mitarbeiter vs. Mitarbeiter-Poststelle?“ „Auf Augenhöhe kommunizieren!“. Leider reichte der Rand des Monitors nicht aus, um alle wichtigen Regeln dort zu vereinen, deshalb musste auch noch die halbe Wand dafür herhalten. Und dennoch schlichen sich immer mal wieder Inkonsistenzen und unerwünschte Formulierungen in Artikel, Newsletter und Pressemitteilungen ein …

Texte schreiben und Memory spielen

Alle, die in Unternehmen im weitesten Sinn mit Kommunikation zu tun haben, werden jetzt sagen: „Genau, gerade die unerwünschten Formulierungen sind hartnäckiger als Klettverschluss und haften besser als doppelseitiges Klebeband und Super-Haftcreme zusammen.“ Paradox ist, dass wenn man sich so umhört, die meisten Schreibenden dennoch der festen Überzeugung sind, dass sie wenig mit Corporate-Language-Konzepten am Hut haben. Aber ist das wirklich so? Die Kommunikatoren können entscheidend dazu beitragen, eine Corporate Language im Unternehmen zu etablieren. Sie haben die Erfahrung und das Know-how, um dem Management die Wichtigkeit einer einheitlichen Unternehmenssprache nahe zu bringen. Außerdem sind sie diejenigen, die die Corporate Language mit Leben füllen und jeden Tag memorieren müssen. Das hat seine Grenzen – probieren Sie doch mal aus, wie viele unterschiedliche Schreibweisen Sie sich merken können. Übrigens, bei Schreibweisen mit Binnen-s wird’s spannend … Vielleicht sollte man das Gedächtnis von Textern, Redakteuren und sonstigen Kommunikatoren mit einem Binnen-s-Memory-Spiel einmal testen!

Deshalb dieses Plädoyer für die schreibende Zunft: Texter sollten sich darauf konzentrieren, dass der Text gut ist, dass er verständlich ist und unterhält, prägnant informiert, Spannung schafft und schlicht die Welt ein bisschen schöner macht. Texter sind keine Speichermedien für Fachbegriffe und Schreibweisen – oder wann wurde nochmal der Computer erfunden …?

Veröffentlicht von:

Corinna Wälz

Corinna Wälz

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