27.09.2011

: Die Euro-Krise und die Verständlichkeit

Was hat die Euro-Krise mit Verständlichkeit zu tun? Eine ganze Menge meint beispielsweise Heiner Geißler. Ein interessanter Artikel in der Financial Times widmet sich diesem Thema. Mit sehr interessanten Ansätzen.

Dabei liegt das Problem bei der Vermittlung von komplexen Sachverhalten, wie der Euro-Krise, zu einem guten Teil an der mangelnden Verständlichkeit. So schreibt die FTD:

„Man muss das Unverständliche verständlich machen“, sagt Geißler. „Wenn man schon Fachbegriffe verwendet, muss man sie auch erläutern.“ Vor einer Woche hat er bei Günther Jauch gesehen, wie Vizekanzler Philipp Rösler und Umweltminister Norbert Röttgen über „geordnete Insolvenz“ und „Haircut“ geredet haben – ohne erklären zu können, was das ist. „Ich weiß nicht, ob die Politiker in der Lage sind, ihre Begriffe in ein verständliches Deutsch zu übersetzen.“

Dieser Problematik begegnen wir öfter. Dabei scheint das Problem mehrere Ebenen zu haben:

1: Verstehen Politiker, was Sie vermitteln sollen?

2: Verstehen die Bürger, was die Politiker Ihnen vermitteln?

Zu 1: Verstehen Politiker, was Sie vermitteln wollen?

Oft hat man leider das Gefühl diese Frage mit Nein beantworten zu müssen. Politiker müssen sich mit komplexen Themen beschäftigen, und darüber Rede und Antwort stehen. Wenn nun Jemand relativ kurzfristig beispielsweise vom Ressort Gesundheit in das Ressort Wirtschaft wechselt, dann kann man per Se nicht davon ausgehen, dass der Politiker im neuen Wirkungskreis sofort alles nötige Fachwissen beieinander hat. Und genau dies merkt man Politikern teilweise an. Wenn von Dingen gesprochen wird, die man selbst nicht versteht, dann wird die Erklärung komplexer, damit es sich wenigstens halbwegs danach anhört, verstanden worden zu sein. Daran schliesst sich dann automatisch das Problem, dass ich etwas, das ich selbst nicht verstanden habe, auf keinen Fall verständlich vermitteln kann. Ich kann Erklärungen verlesen, vorgefertigte Reden halten – aber spätestens auf Rückfrage muss ich mich in leere und komplexe Floskeln flüchten, um fehlendes Wissen zu kompensieren. Letztlich leider der Bürger darunter. Aber selbst wenn Politiker vollkommen verstehen, worüber sie reden, gibt es dennoch die zweite Problemebene, die erschwerend hinzu kommt:

2: Verstehen die Bürger, was die Politiker Ihnen vermitteln?

Politiker sind oft sehr gut ausgebildete Experten auf bestimmten Gebieten. Und sie beschäftigen sich auf sehr hohem Niveau mit Themen, was sich grundsätzlich auch an der Sprache widerspiegelt. Dabei wird oft vergessen, dass die Empfänger dieser Kommunikation oft keine Experten sind.

Es wird also, wie von Geißler gefordert, ein Vermittler benötigt. Jemand, der die Politik-Fachsprache in vernünftiges Deutsch übersetzt.

Weiterlesen: Financial Times

Veröffentlicht von:

Anikar Haseloff

Anikar Haseloff

Als Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich Dr. Anikar Haseloff tagtäglich mit Sprache. Er lehrt und forscht zum Thema Verständlichkeit an mehreren Universitäten in Deutschland.

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