26.08.2013

: Bundestagswahl 2013: Parteiprogramme sind meist unverständlich

Die Ulmer H&H Communication Lab GmbH hat gemeinsam mit der Universität Hohenheim die Verständlichkeit der Parteiprogramme für die Bundestagswahl im September untersucht. Ernüchterndes Ergebnis: Die Wahlprogramme sind insgesamt noch unverständlicher als bei der letzten Bundestagswahl vor vier Jahren.

Die Verständlichkeit der Bundestagswahlprogramme von CDU/CSU, SPD, FDP, Grünen, Linkspartei und Piratenpartei ist im Vergleich zu 2009 weiter gesunken: Die Wahlprogramme erzielten nur 7,7 Punkte – 2009 lag der Mittelwert noch bei 9,0 Punkten. Bewertet wird die Verständlichkeit mit dem Hohenheimer Verständlichkeits-Index (HIX). Dessen Punkte-Skala reicht von 0 (völlig unverständlich) bis 20 (sehr verständlich). In diese Wertung fließen unter anderem der Gebrauch von zu langen Sätzen, Fachbegriffen, Fremdwörtern und zusammengesetzten Wörter ein. Zum Vergleich: Doktorarbeiten erzielen durchschnittlich einen Wert von 4,7. Die Politik-Beiträge in der Bild-Zeitung liegen bei 16,8. Für diese Sprach-Messungen hat das Communication Lab die Software TextLab entwickelt, die Texte auf Knopfdruck anhand wissenschaftlicher Kriterien auf deren Verständlichkeit überprüft.

„Die Parteien verpassen mit diesem Ergebnis eine Chance auf mehr Bürgernähe und Transparenz“, so Dr. Anikar Haseloff, Geschäftsführer des Communication Lab. „Wir glauben außerdem, dass das Ergebnis auch Einfluss auf die Glaubwürdigkeit hat: Denn wie sollen die Bürger den Parteien glauben, wenn sie ihre Wahlprogramme noch nicht mal verstehen? Dafür haben wir einige sehr plakative Beispiele gefunden: Bei einer Partei war es ein Bandwurmsätze mit  71 Wörtern, bei einer anderen war es ein Wort-Monster wie ‚Terrorismusbekämpfungsergänzungsgesetz‘.“

Grüne, SPD, FDP und die Piraten haben sich alle in der Verständlichkeit verschlechtert. Während die Grünen 2009 noch das verständlichste Wahlprogramm hatten, mussten sie sich jetzt mit Platz 2 begnügen. Insgesamt am schlechtesten schnitt das Programm der Piraten mit 5,8 Punkten ab. Grund dafür sind besonders viele englische Wörter und Insider-Begriffe, beispielsweise „Comprehensive Test Ban Treaty“ oder „Privacy-by-Design“. CDU/CSU und Linkspartei konnten gegen den Trend die Verständlichkeit ihrer Wahlprogramme steigern. Das Programm der Union schnitt in diesem Jahr mit einem Wert von 9,9 Punkten am besten ab. Dass die Parteien auch verständlich kommunizieren können, zeigt der Vergleich mit den Kurzfassungen der Wahlprogramme. Diese erzielten alle einen besseren Durchschnittswert als die jeweiligen Langfassungen.

Hürden für die Verständlichkeit sind auch die Vielzahl an Fremd- und Fachwörtern, die alle Parteien ohne Erklärung in ihren Texten verwenden: „Subsitutionstherapie“ bei der Linkspartei oder „Sharing Community“ bei der Union sind nur zwei Beispiele. Dieser Gebrach von Fachsprache schließt vor allem Leser ohne politisches Fachwissen und ohne akademische Ausbildung von politischer Teilhabe aus. Ähnliche Effekte hat auch der häufige Gebrauch von Wortzusammensetzungen – zum Beispiel „Bundes-Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz“ bei den Grünen. Auch Nominalisierungen – also die Verwendung von Substantiven statt Verben – wirkt sich negativ auf die Verständlichkeit aus: zum Beispiel „Umweltverträglichkeitsprüfungen“ bei der Linkspartei. Bei allen Parteien fanden die Sprach-Forscher auch zu lange Sätze mit mehr als 50 Wörtern, die einen Text insgesamt schwer verständlich machen.

„Um herauszufinden, womit sich die Parteien am meisten beschäftigen, haben wir darüber hinaus eine Begriffsanalyse durchgeführt“, erklärt Oliver Haug vom Institut für Verständlichkeit. „ Dabei ist aufgefallen, dass der Begriff ‚Mensch‘ bei allen Parteien im Mittelpunkt steht. Die Oppositionsparteien verwenden auch auffallend oft die Begriffe ‚müssen‘ und ‚sollen‘. Außerdem hat sich gezeigt, dass die Piratenpartei und die Linkspartei sehr um sich selbst kreisen und sich besonders häufig selbst nennen – vor vier Jahren ist diese Art der Selbstbeschäftigung besonders bei der FDP aufgefallen.“

Die vollständige Studie finden Sie hier:

https://www.uni-hohenheim.de/uploads/media/Wahlprogramm-Check_BuWa.pdf

 

 

 

 

Veröffentlicht von:

Anikar Haseloff

Anikar Haseloff

Als Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich Dr. Anikar Haseloff tagtäglich mit Sprache. Er lehrt und forscht zum Thema Verständlichkeit an mehreren Universitäten in Deutschland.

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